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General Anzeiger Bonn, Samstag, 26. Oktober 2002
von Heinz Dietl

Im Tal der Täuschungen

Es ist Frühling in Botswana, die Halbwüste Kalahari blüht auf. Buschmänner flitzen durchs grellgrüne Gras und zeigen, wie man Fallen stellt und Feuer macht

Frühling in Botswana
Frühling in Botswana

Es brennt, endlich. Erst steigt dünner Rauch auf, dann züngeln die ersten Flammen durchs trockene Gras, das schließlich anheimelnd knistert. Die Erlösung kommt zur rechten Zeit: Die Handflächen glühen schon, die Oberarme zittern, Kraft und Geduld sind dem Ende nahe. Buschmann Xhasi nickt anerkennend: Ja, genau so wird Feuer gemacht. Fin wenig Routine noch, dann könnten die Besucher aus der Großstadt auch ohne Zippo in der Kalahari-Wüste bestehen.


Doch Feuer allem macht nicht satt. Wild will erlegt werden, aber weder Strauß noch ein Springbock sind in Sicht. Die Spuren im Sand deuten auf eine Hyäne hin - ungenießbar. Die Beeren am Strauch sehen appetitlich aus, könnten aber auch giftig sein. Ganz zu schweigen von den Pilzen. Was sonst noch fehlt, ist Wasser. Kein Fluss, kein Bach, kein Tümpel in der Nähe. Spätestens jetzt wären die angelernten Feuermacher aus Europa mit ihrem Latein am Ende.

Der 32-jährige Xhasi und sein vier Jahre jüngerer Stammesbruder Xhotae streifen an diesem frühen Morgen ziemlich ungezwungen mit ihren Gästen durchs kniehohe Gras. Niemand muss Hunger leiden. Frühstück gibt es nach Abschluss des so genannten Bushman Trails ganz exklusiv und opulent in der noblen Deception Valley Lodge.

Xhasi und Xhotae sind San, wie die Buschleute im südlichen Afrika heißen. Deren traditionelle Lebensweise in einer oft lebensfeindlichen Umgebung sind Thema des Trails durch das Tal der Täuschungen, das Deception Valley. In der Hitze des Hochsommers kann es überall in der Kalahari zu Sinnestäuschungen kommen.

die Buschmänner Xhasi und Xhotae demonstrieren, wie man essbare Beeren findet...
die Buschmänner Xhasi und Xhotae demonstrieren, wie man essbare Beeren findet...
... mit Pfeil und Bogen umgeht oder Trinkwasser gewinnt.
... mit Pfeil und Bogen umgeht oder Trinkwasser gewinnt.

Jetzt jedoch ist Frühling, die Wüste lebt auf. Im Oktober und November trägt die Kalahari sattes Grün. Kurz nach Sonnenaufgang sind die Farben unbeschreiblich intensiv. Drei Stunden dauert der Marsch durch die vitale Wüste, Ortsunkundige verlieren allerdings bereits nach zehn Minuten die Orientierung. So mäandem Xhasi und Xhotae nicht zufällig durch die Gegend, ihr Weg folgt einer gewissen Dramaturgie. Stilecht im Lendenschurz, ausgestattet mit Pfeil, Bogen und Speer, gehen die beiden Buschmänner auf Pirsch nach den kleinen Überlebensgeschichten ihres Stammes.

Sie zeigen die Sträucher, deren Beeren essbar sind. Andere Pflanzen liefern den Buschleuten die Blätter für die Zahnpflege. Ohne moderne Hilfsmittel wird eine Falle gebaut, bevorzugte Beute sind größere Steppenvögel wie etwa Gackel- und Riesentrappe. Xhasi weist auf einen kleinen, unscheinbaren Zweig, der aus dem Bogen ragt.

Dieser Zweig ist Teil einer riesigen Knolle, die im Erdreich vergraben wurde. Xhotae gräbt die Knolle aus und schabt eine geringe Menge von deren Fleisch ab, das an das Mehl einer Kartoffel erinnert. Die San pressen diese feuchte Masse mit der geballten Faust und lassen die Flüssigkeit, reines Wasser, über den Daumen in den Mund rinnen. Ein kleines Wasserreservoir in der Wüste.

Feuerstelle Kalahari Wüste
Feuerstelle Kalahari Wüste

Ein Höhepunkt des Parcours durch die grüne Wildnis ist das Feuer aus der hohlen Hand. Das Erfolgserlebnis wird vielleicht noch getoppt von den Disziplinen Speerwerfen und Bogenschießen mit Originalutensilien. Xhasi und Xhotae spenden dem besten Bleichgesicht freudig Applaus und zeigen noch, wie man „unsichtbar" durchs Gras schleicht.

Dann verschwinden die beiden Buschmänner lautlos hinter dem Jeep.

Dort legen sie den Lendenschurtz ab und springen in ihre schicken Khaki-Buschanzüge. Die Show ist vorüber. Es geht zurück zur Lodge, das Frühstück wartet. Schließlich sind Xhasi und Xhotae Angestellte der Deception Valley Lodge, und morgen ist auch noch ein Tag.
Früh um sechs Uhr startet der nächste Trail durchs Tal der Täuschungen.

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